Vietnams Wirtschaft auf den Spuren Chinas

Der Blick auf Ho Chi Minh City vom Bitexco Financial Tower

Der Blick auf Ho Chi Minh City vom Bitexco Financial Tower – Foto: Diego Delso

Sozialismus im Herzen, Kapitalismus in der Hand und Wachstumsraten von denen westliche Industriestaaten in Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit und Firmenpleiten nur träumen können, das ist die sozialistische Republik Vietnam.

War Vietnam nach dem Ende des zweiten Krieg Indochinakriegs 1975 und langen Jahren der wirtschaftlichen Stagnation zunächst das Sorgenkind Südostasiens, so hat sich das hässliche Entlein nach der Asienkrise im neuen Jahrtausend als heißester Geheimtipp auf dem Börsenparkett entwickelt. Und wenn selbst der ehemalige Klassenfeind den Big Mac in Hanoi auf den Fastfood Markt wirft, spätestens dann weiß auch die globale Wirtschaft: Mit Vietnam ist zu rechnen.

Wirtschaftliche und gesellschaftliche Rahmendaten

Vietnams Wirtschaft hat sich in 2013 stabilisiert. Die Inflationsrate ist gesunken, die Währung hat sich konsolidiert und die Leistungsbilanz zeigt einen Überschuss. So wuchs die Wirtschaft laut Angaben der Deutschen Bank in 2012 um 5,0 Prozent. Für 2013 wird eine BIP-Steigerung von 5,3 Prozent auf 156 Milliarden US-Dollar geschätzt und für 2014 rechnen Experten gar mit einem weiteren Wachstum zwischen 5,2 bis 5,8 Prozent.

Erfreulich zeigt sich auch die Entwicklung des Außenhandels. So erzielte Vietnam in 2012, nach einer Dekade negativer Zahlen, zum ersten Mal eine positive Handelsbilanz. Diese betrug immerhin 800 Millionen Euro bei einem Import- und Exportwert von 113,8 bzw. 114,6 Milliarden Euro. Hauptlieferländer der vietnamesischen Wirtschaft waren die asiatischen Anrainerstaaten China (25 Prozent), Südkorea (14 Prozent) und Japan (10 Prozent). Hauptabnehmer mit einem Anteil von über 17 Prozent die USA, gefolgt von China (8 Prozent) und Japan (14 Prozent). Während die Wirtschaft so noch immer in starker Abhängigkeit vom nördlichen Nachbarn ist und zudem eine deutliche Außenhandelsbilanz zugunsten der chinesischen Partnern aufweist sind es die Hauptabsatzmärkte in der EU (Januar bis September 2013 rund 11 Milliarden US-Dollar) und in den USA (13 Milliarden US-Dollar) die der Regierung in Hanoi schwarze Zahlen bescheren.

Doch trotz guter Zahlen zeigen sich auch Defizite. So leidet der Staat unter knappen Finanzmittel und konnte auch in 2013 sein Einnahmeziel nicht erreichen. In Kombination mit einem geplanten Budgetdefizit von 5,3 Prozent des BIP liegt die Verschuldung des Landes mittlerweile bei 56 Prozent. Addiert man die Schulden der öffentlichen Unternehmen hinzu, so zeigt sich mit über 100 Prozent Verschuldung ein noch schlechteres aber für Asien auch fast typisches Bild eines aufstrebenden Schwellenlandes.

Industrieproduktion und Konsum als Wachstumsmotor und Absatzchance

Doch wenn der Staat schwächelt, dann begünstigt eine junge und gebildete Bevölkerung mit einem gewaltigen Nachholbedarf das Wirtschaftswachstum. So betrug der private Verbrauch in 2012 rund 65 Prozent des BIP. Schätzungen der Deutschen Bank zufolge könnte dieser in 2014 um weitere 5,5 Prozent zulegen. Für 2013 verzeichnete das General Statistics Office Of Vietnam im Zeitraum von Januar bis September bereits einen Einzelhandelsumsatz von knapp 52 Milliarden Euro und eine Steigerung von 5 Prozent.

Dabei gibt der vietnamesische Durchschnittsverbraucher etwa die Hälfte seines Einkommens für Lebensmittel aus. Besonders hoch im Trend ist auch die Nachfrage nach neuen Verbrauchs- und Gebrauchsgütern. Zudem wird die wachsende Mittelschicht anspruchsvoller und der Handel seinerseits lockt mit modegerechten Angeboten. Supermarktketten aus dem In- und Ausland sowie die Betreiber von Einkaufszentren erweitern kontinuierlich ihre Filialnetze und ringen dabei um die besten Standorte. So kündigte beispielsweise die südkoreanisch-japanische Lotte Group erst jüngst den Bau zweier neuer Shoppingzentren an.

Begleitet wird die Entwicklung des Konsums durch ein Wachstum im verarbeitenden Gewerbe. So legte die Industrieproduktion zwischen Januar und September 2013 um 6,8 Prozent zu. Auch wuchs die Einfuhr von Maschinen- und Anlagen um 10 Prozent auf 13,2 Milliarden US Dollar. Der Deutsche Anteil an diesem Geschäft lag hierbei schwerpunktmäßig im Bereich der Nahrungsmittel-, Getränke- und Verpackungsmaschinen sowie der Fördertechnik. Angesichts des wirtschaftlichen Wachstums dürften künftig immer mehr Unternehmen die Mittel für hochwertige deutsche Maschinen aufbringen können. Zudem möchte die Regierung in Zukunft einen selbstständigen Maschinen- und Anlagebau entwickeln. Auch hier wird deutsches Knowhow gefragt sein.

Eine Entwicklung die man bereits heute im kleinen, aber expandierenden Absatzmarkt der Chemieindustrie beobachten kann. Neben der Elektrotechnik und Bekleidungsindustrie – Vietnam ist weltweit der fünftgrößte Exporteur von Bekleidung – zeichnen sich Chemie- und Gesundheitssektor als zukunftsträchtige Branchen für den deutschen Mittelstand aus. So schätzt der Marktforscher Espicom allein den Absatz von Medizintechnik in Vietnam bis 2017 auf ein Gesamtvolumen von 1,5 Milliarden US Dollar bei einer Importquote von 90 Prozent.

Quo vadis, Vietnam?

Vietnam in 2014, das bedeutet eine stabile Regierung mit ambitionierten Zielen, niedrige Lohnkosten und interessante lokale Beschaffungsmärkte auf der einen, aber auch Reformstau und Korruption gepaart mit faulen Krediten, überschuldeten Staatsunternehmen und geringer Arbeitsproduktivität auf der anderen Seite.

Zudem leidet Vietnam auch 38 Jahre nach Kriegsende noch immer unter den Folgen. So gehören die Gefahr von Minen in Mittelvietnam, massive Verseuchung des Regenwaldes mit Dioxin und eine Spaltung der Gesellschaft zwischen Nord- und Südvietnamesen untrennbar zur Entwicklung des Landes. Südvietnamesen werden noch immer von bestimmten Ämtern und Studienfächern ausgeschlossen. Zudem wird ihre Zulassung zum Jura-, Journalistik- oder Lehramtsstudium erschwert.

Ob die vietnamesische Gesellschaft letztlich ihrem Ruf als „Asiens Preußen“ und die Regierung ihrem ehrgeizigen Ziel, bis 2020 zum voll entwickelten Industrieland aufzusteigen, gerecht werden kann hängt zum einen vom Reformkurs in Wirtschaft und Gesellschaft, und zum anderen vom Engagement der internationalen Wirtschaft ab. Vietnam muss sich zudem aus der Abhängigkeit als Werkbank Chinas lösen und seinen eigenen Weg des wirtschaftlichen Wachstums beschreiten.

Im Original erschienen im Niederrhein Manager (Ausgabe Februar/März 2014). 

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