Pakistan zwischen Islamismus und wirtschaftlicher Stagnation

Lastwagen an der indisch-pakistanischen Grenze, Attari-Wagah Border Panjab

Lastwagen an der indisch-pakistanischen Grenze, Attari-Wagah Border Panjab – Foto: André Sarin

Pakistan in 2013, das ist ein tief gespaltenes Land, gefangen zwischen dem Kampf für ein stabiles Afghanistan, Entwicklungsdefiziten einer teils vormodernen Wirtschaftsstruktur und massiven innenpolitischen Konflikten. Dem zum Trotz stellen die im Mai 2013 erfolgten Wahlen eine positive Zäsur in Pakistans krisengeschüttelter Geschichte dar.
So wurde zum ersten Mal seit der Unabhängigkeit 1949 eine demokratisch legitimierte Zivilregierung nach Ablauf einer vollen Legislaturperiode durch freie Wahlen abgelöst. Pakistans neue Regierung unter Nawaz Sharif steht vor großen Herausforderungen, denn mit einem Pro-Kopf-Einkommen von 1.296 US-Dollar gehört Pakistan zu dem ärmsten Ländern dieser Erde

Gesamtwirtschaftlicher Überblick

Mit rund 179 Millionen Einwohnern ist Pakistan nach Indonesien das bevölkerungsreichste islamische Land. Wuchs die Wirtschaft nach Angaben von Germany Trade & Invest 2010 um 3,1 Prozent bzw. um drei Prozent in 2011, wird für 2012 ein Wachstum von 3,7 Prozent geschätzt. Damit bleibt die Wachstumsrate Pakistans im vierten Jahr in Folge unter vier Prozent. Für 2013 rechnen Wirtschaftsexperten des Internationalen Währungsfonds mit einem stagnierenden Wachstum um die 3,5 Prozent.

Die Pakistanische Wirtschaft leidet noch immer unter den Folgen der verheerenden Überschwemmungen der Jahre 2010 und 2011. Zudem war es im Zuge der Parlamentswahlen zu einem weitreichenden Stillstand bei der Umsetzung von Reformvorhaben gekommen. Die anhaltende Energiekrise und die schwierige Sicherheitslage lähmen die Wirtschaft. Zudem liegt die Inflation mit geschätzten elf Prozent seit fünf Jahren im zweistelligen Bereich.

Die Entwicklungsdefizite der pakistanischen Wirtschaft spiegeln sich ganz besonders  in der vormodernen Arbeitsmarktstruktur wider. Es gingen laut des Arbeitsmarkt-Zensus 2010/11 nur 36 Prozent der insgesamt 53,8 Millionen Erwerbstätigen einer regelmäßigen, bezahlten Beschäftigung nach. Rund 35 Prozent wurden als Selbstständige registriert und unbezahlte mithelfende Familienmitglieder machten 28 Prozent der Erwerbstätigen aus. Lediglich ein Prozent der Beschäftigten wurden als Unternehmer identifiziert. Wie in sich entwickelnden Wirtschaftsräumen üblich beschäftigte der Agrarsektor dabei mit 45 Prozent einen Großteil der Erwerbstätigen. Beschäftigte außerhalb der Landwirtschaft waren zu 74 Prozent im informellen Sektor tätig.

Die Landwirtschaft ist mit einem Anteil von rund 21 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) der wichtigste Sektor der pakistanischen Volkswirtschaft. So profitieren 60 Prozent der ländlichen Bevölkerung direkt oder indirekt von der Landwirtschaft. Diese konzentriert sich vor allem auf das fruchtbare Punjab, das dazu über das weltweit größte Bewässerungssystem seiner Art verfügt.

Die pakistanische Industrie konzentriert sich vor allem auf den Textilsektor, der mit 53 Prozent am Außenhandel zum wichtigsten Exportfaktor gehört. Dabei weißt Pakistan auch in 2012 wiederholt ein Außenhandelsdefizit von 19,2 Milliarden US-Dollar auf. Die Importe stiegen leicht von 43,6 Milliarden in 2011 auf 40,5 Milliarden US-Dollar in 2012, während die Exporte, die im Vorjahr noch um beachtliche 18,2 Prozent gestiegen waren, von 25,3 Milliarden in 2011 auf 24,6 Milliarden US-Dollar in 2012 sanken.

Während der Textilsektor seinen Anteil am Export halten konnte, hat sich der Dienstleistungsbereich zu einem wichtigen Wachstumssektor der Binnenwirtschaft entwickelt. Er trägt inzwischen zu mehr als 50 Prozent des BIP bei. Wichtige Bereiche sind hier vor allem Banken, Versicherungen, das Transportwesen und Kommunikationsunternehmen. Zudem trägt auch der überproportional große Verwaltungsapparat mit seinen Beamten seinen Beitrag bei. Doch dieser Beitrag ist nicht immer wirtschaftsförderlich, wie man am Beispiel des Inter-Services Intelligence (ISI) sieht.

Der Staat im Staat

Der ISI, gegründet als militärischer Nachrichtendienst, hat sich mittlerweile zum Staat im Staat entwickelt. Während Zivilregierung und Militär zunehmend den Schulterschluss mit dem Westen suchen und dabei eine Politik der innenpolitischen Stabilisierung fördern, hält der ISI an seinem in den 80ern und 90ern entwickeltem Profil zur Unterstützung paramilitärischer Kräfte und terroristischer Verbindungen ungeachtet der Konsequenzen für die Wirtschaft fest.

Es finden sich zum Beispiel Hinweise auf  ISI-Aktivitäten in über 180 WikiLeaks Berichten zu Angriffen auf NATO-Verbände. Auch wird der ISI in Geheimdienstkreisen mit den verheerenden Anschlägen in Madrid 2004, London 2005 und Mumbai 2008 in Verbindung gebracht. Zudem erklärte der afghanische Geheimdienst im Juli 2008, dass der ISI rund 3.000 Terroristen eingeschleust habe, um das Straßenbauprojekt einer indischen Firma zu sabotieren. 2010 veröffentlichte die London School of Economics eine Studie, welche von massiver Hilfe mit Geld, Munition und Ausrüstung an die Taliban berichtet.

Dabei liegt das Interesse des ISI weniger in der Unterstützung des internationalen Terrorismus, als vielmehr in der Instrumentalisierung militanter und terroristischer Gruppierungen, um zum einen eine verstärkte Einflussnahme in Afghanistan zu garantieren und zum anderen den Bruderstaat Indien zu schwächen.

Chance für einen wirtschaftlichen Neuanfang

Dabei stellt der bilaterale Handel mit Indien die beste Chance für einen wirtschaftlichen Neuanfang dar. Eine Chance die auf beiden Seiten der Grenze, auch aufgrund des anhaltenden Medienkriegs, kaum Beachtung findet. Tatsache ist, dass sich Pakistan in der Vergangenheit durch die offene Ablehnung des Bruderstaats selbst definiert und sich damit einer bedeutenden Chance für die Wirtschaft  beraubt hat.

So könnte eine Kooperation pakistanischer und indischer Bauern des Punjabs eine ideale Verbindung von fruchtbarem Boden mit technischem Know-How des 21. Jahrhunderts bilden. Bei den weltweit steigenden Preisen für Nahrungsmittel und pflanzlichen Rohstoffen liegt hier ein wahrer Rohdiamant begraben. Ein Rohdiamant der vielleicht nur darauf wartet vom deutschen Mittelstand geschliffen zu werden.

Pakistans wirtschaftliche Zukunft ist noch nicht geschrieben

Pakistan im Jahr 2013 ist mit seiner stagnierenden Wirtschaft, der islamisch orientierten Zivilregierung, hoch verschuldet, teilweise abhängig von externer Hilfe und längst ein Opfer seiner internen und externen Akteure geworden. Armee, Geheimdienst, Islamisten, aber auch die USA und China – sie alle spielen ein gefährliches Spiel, das die Wirtschaft lähmt und im Worst Case sogar den Funken für einen Flächenbrand in ganz Südasien auslösen könnte.

Es ist daher kaum verwunderlich, dass die ausländischen Direktinvestitionen im Haushaltsjahr 2012 mit rund 700 Mio. US-Dollar einen Rückgang von fast 35 Prozent gegenüber dem Vorjahr verzeichnen mussten. Zudem ist Pakistan im „Doing Business 2012“-Ranking der Weltbank um neun Positionen auf nunmehr Rang 105 von 183 Ländern abgefallen. Damit stellt Pakistan trotz eines gewaltigen Nachholbedarfs im Bereich der Energiewirtschaft, Landwirtschaft, Infrastruktur und Hochtechnologie sowie der Kaufkraft einer wachsenden Mittelschicht von fast 30 Millionen Konsumenten unter den Ländern der Next-11-Staaten den ungünstigsten Rahmen für interessante Geschäftsperspektiven.

 Im Original erschienen im Revier Manager (Ausgabe September/Oktober 2013). 

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