Pakistan nach Osama Bin Laden – Quo Vadis?

Pakistanische F-16 während der Übung 'Red Flag' auf der Nellis Air Force Base (Nevada, USA)

Pakistanische F-16 während der Übung ‚Red Flag‘ auf der Nellis Air Force Base (Nevada, USA)

Mit Osama Bin Ladens Tod endet die wohl größte Menschenjagd der Geschichte. Was bleibt sind Fragen. Fragen um die Sicherheit, die Zuverlässigkeit, ja sogar die Glaubwürdigkeit eines Landes, das sich immer häufiger im Netz des internationalen Terrorismus verfängt.

Pakistan, der Opportunist

Wie geht es weiter und wer zieht die Fäden in Pakistan? Gefangen zwischen dem „Krieg gegen den Terrorismus“, chinesischer Rüstungs-und Aufbauhilfe und einem stetig wachen Auge auf den indischen Bruderstaat zeigt sich Pakistan auch, innerlich zerstritten, auf der Weltbühne vermehrt als unberechenbarer Opportunist.

Betrachtet man Pakistan eine Woche nach dem gewaltsamen Tod Osama Bin Ladens, so erhärtet sich der Verdacht, dass der Schrecken des islamistisch motivierten Terrorismus für die Weltgemeinschaft noch lange nicht ausgestanden ist. In einer historischen Linie mit Libyen, dem Sudan, dem Irak und Afghanistan zeigt sich Pakistan, der wohl wichtigste Partner im Kampf gegen den Terrorismus, als beliebter Zufluchtsort für Top-Terroristen.

‚Save Heaven‘ für Top-Terroristen

Khalid Sheikh Mohammed kurz nach seiner Festnahme in Rawalpindi (Pakistan)

Khalid Sheikh Mohammed kurz nach seiner Festnahme in Rawalpindi (Pakistan) – Foto: US Army

Und so erhärtet sich die Frage: Wie ist es möglich, dass ein militärisch dominierter Staat, der mit dem Westen Seite an Seite gegen die russische Invasion in Afghanistan gekämpft hat, und dessen Regierung sich vermeintlich bedingungslos gegen den Terrorismus stellt, zeitgleich zur Schutzmacht desselben mutiert? Eine Frage, die vor allem das Militär, selbsternannter Garant Pakistans, in ein schlechtes Licht rückt. Fragt man führende Terrorismusexperten, so wird bald klar, dass die Hauptschuld dieser Misere zum einen in der ungleichen Gewaltenteilung und zum anderen in den verschiedenen Fraktionen innerhalb des Militärs, der schwachen Zivilregierung und dem Inter-Services Intelligence (ISI), liegt.

Der Staat im Staat

Allen voran der ISI, gegründet als militärischer Nachrichtendienst, hat sich mittlerweile zum Staat im Staat entwickelt. Während die Zivilregierung und das Militär zunehmend den Schulterschluss mit dem Westen suchen, hält der ISI an seinem in den 80ern und 90ern entwickeltem Profil zur Unterstützung paramilitärischer Kräfte und terroristischer Verbindungen auch heute noch fest. So finden sich Hinweise auf den ISI in über 180 auf WikiLeaks veröffentlichten Berichten zu Angriffen auf US-amerikanische oder Nato-Verbände. Auch wird der ISI in Geheimdienstkreisen unter anderem mit den Anschlägen in Madrid, Bali, London und Mumbai in Verbindung gebracht. Im Juli 2008 erklärte der afghanische Geheimdienst, dass der ISI rund 3000 Terroristen eingeschleust habe, um das Straßenbauprojekt einer indischen Firma zu sabotieren. 2010 brachte die London School of Economics eine Studie heraus, die von massiver Hilfe mit Geld, Munition und Ausrüstung für die Taliban berichtet.

Dabei liegt das Interesse des ISI weniger in der Unterstützung des internationalen Terrorismus als vielmehr in der Instrumentalisierung militanter und terroristischer Gruppierungen zu eigenen Zwecken. Letztere richtet sich zum einen, auf Basis des schwelenden Konflikts um Kaschmir, gegen den Bruderstaat Indien und zum anderen auf die verstärkte Einflussnahme in Afghanistan. Und so unterstützten Akteure des ISI einerseits terroristische Organisationen, während das Militär diese gleichzeitig im eigenen Land bekämpft. Vor diesem Hintergrund erklärt sich auch die Intervention des ISI zum Schutz von Mullah Omar, Anführer der Taliban, vor einem möglichen Zugriff durch die USA, während zeitgleich dieselben Taliban als Vergeltung für den Tod Osama Bin Ladens am vergangenen Freitag mit mehr als 80 Toten einen der folgenschwersten Anschläge seit Jahresbeginn verübt haben.

Die Akteuer und das Spiel

Schuld daran ist nicht zuletzt auch der pure Opportunismus, der die verschiedenen Fraktionen innerhalb des ISI und des Militärs, von Pro-westlichen Kadern über Islamisten bis hin zu den Chinatreuen gegeneinander antreten lässt. Letztere sind eine klare Reaktion auf die Vernachlässigung Pakistans durch die USA im Nachgang des sowjetischen Abzugs aus Afghanistan und werden gerade aus Neu Delhi mit besonderer Sorge betrachtet.

Pakistan, das steht heute fest, ist mit seiner instabilen Wirtschaft, der schwachen Zivilregierung, hochverschuldet und abhängig von externer Hilfe längst ein Opfer seiner internen und externen Akteure geworden. Armee, Geheimdienst, Islamisten, die USA und China – sie alle spielen ein gefährliches Spiel dessen Funken einen Flächenbrand in Südasien auslösen können.

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