Mexiko – Chance für den deutschen Mittelstand

Das Volkswagen Volkswagen Werk Puebla in Mexiko

Das Volkswagen Volkswagen Werk Puebla in Mexiko – Foto: Volkswagen de Mexico

Tortilla, Sombrero, Tequila – hören wir das Wort „Mexiko“, so drängen sich lang vergessene Momente der deutschen Geschichte ins Gedächtnis. Unvergessen bleibt das Jahr 1986, als die Welt auf den zentralamerikanischen Staat blickte und Deutschland die „Hand Gottes“ spürte. Doch 1986 war für Mexiko auch ein Jahr des wirtschaftspolitischen Erfolgs.

Denn mit dem Beitritt zum allgemeinen Zoll- und Handelsabkommen (GATT) begann Mexikos erfolgreicher Zugang zur Weltwirtschaft. 27 Jahre später ist das Land heute, als Mitglied der NAFTA sowie der G20, zu einem der wichtigsten Produktionsstandorte in Amerika aufgestiegen.

Begünstigt durch die ideale geographische Lage zwischen der Supermacht USA im Norden und den wirtschaftlich aufstrebenden Staaten Südamerikas, beschenkt mit vielfältigen natürlichen Rohstoffen und getragen von seinem Außenhandel sowie einem stabilen industriellen Sektor ist Mexiko 2013 ein attraktiver Partner für die deutsche Wirtschaft.

Wirtschaftliche Rahmendaten

Mexiko ist nach Brasilien die zweitgrößte Volkswirtschaft in Lateinamerika. So wuchs die Wirtschaftnach Angaben der mexikanischen Zentralbank 2010 um 5,6 Prozent bzw. um 3,9 Prozent in2011. Für 2012 wird eine Steigerung zwischen 3,8 und 4,0 Prozent geschätzt und für 2013 mit einem moderaten Wachstum zwischen 3,5 und 3,8 Prozent.

Die Privatwirtschaft ist in Teilen sehr konzentriert. In zahlreichen Branchen gibt es aufgrund einer schwachen Wettbewerbspolitik dominante Konzerne, welche sich oft im Besitz weniger sehr vermögender und einflussreicher Familien befinden. Einer Rangliste des US-amerikanischen Forbes Magazine zufolge halten die zehn reichsten Mexikaner ein Vermögen, das rund elf Prozent des mexikanischen Bruttoinlandsprodukts (BIP) entspricht.

Das BIP lag in 2011 bei 1.154 Milliarden US-Dollar. Schwerpunkte der mexikanischen Wirtschaft in 2011 waren dabei die verarbeitende Industrie (18,0 Prozent), der Handel (16,4 Prozent) sowie der Bergbau (10,1 Prozent). Letzterer war mit einem Plus von 30,0 Prozent auch unangefochtener Spitzenreiter beim allgemeinen Wirtschaftswachstum – gefolgt von der verarbeitenden Industrie (+11,2 Prozent), dem Handel (+11,3 Prozent) sowie dem Bausektor (+11,2 Prozent). Eine Besonderheit der mexikanischen Wirtschaft sind die in den USA lebenden Mexikaner. Sie erwirtschafteten in 2011 rund 2,5 Prozent des BIP.

Als aufstrebende Wirtschaftsnation leidet das Schwellenland an einer hohen Schattenwirtschaft. Diese ist ein Hauptgrund für das niedrige Steueraufkommen und den geringen Anteil von Konsum- und Investitionsausgaben des mexikanischen Staates.

Mexiko erfreut sich eines großen Reservoirs an Arbeitskräften und Konsumenten. Über 65 Prozent der Bevölkerung sind zwischen 15 und 64 Jahre alt. Angetrieben durch mehr Arbeitsplätze und Kredite stiegen, nach einem kräftigen Dämpfer im Zuge der Krise, die privaten Konsumausgaben in 2012 wieder zaghaft an. Begünstig wurde diese Entwicklung unter anderem durch eine Verschiebung der Jobs von der Landwirtschaft zu mehr Beschäftigung im Dienstleistungssektor. Zudem sind im Zeitraum von Januar bis Oktober 2011 rund 870.000 neue Arbeitsplätze im formellen Sektor entstanden.

Wachstumsbranchen und Zukunftsmärkte

Die mexikanische Wirtschaft konnte sich in den vergangenen Jahren vor allem in den Bereichen Automobilbau, Luftfahrt und Bergbau entwickeln. Aufgrund steigender Löhne, allen voran in Indien und China, höherer Transportkosten und einer temporären Schwäche des mexikanischen Pesos in 2009 gilt Mexiko seit 2010 als ein besonders attraktiver Produktionsstandort für den amerikanischen Markt. Und nicht nur amerikanische Hersteller haben die Bedeutung des Standorts Mexiko längst für sich entdeckt. Mexikos Lohnveredlungssektoren für Haushalts- und Unterhaltungselektronik ziehen zunehmend Investoren und Unternehmer aus der ganzen Welt an. Schon heute ist das Land größter Exporteur von Flachbildschirmen, zweitplatziert bei Waschmaschinen sowie die Nummer drei bei Mobiltelefonen und Spielzeug.

Dank des Exportwachstums und einer belebten Binnennachfrage wurde die Industrie in 2012 nahe an ihre Kapazitätsgrenzen geführt. Massive Investitionen in neue Maschinen und Werkzeuge sind zu erwarten. Der starke Peso begünstigt zudem die Bereitschaft für Investitionen. „Für deutsche Maschinen- und Anlagebauer eröffnen sich beste Absatzchancen“, sagt Claudia Masbach, Referentin der IHK Aachen. Die Mexikobeauftrage der IHKen in NRW beschäftigt sich seit 2008 im Schwerpunkt mit der den Chancen und Potenzialen der mexikanischen Wirtschaft für deutsche Unternehmen. „Mexiko ist ein erfolgversprechender Markt für den deutschen Mittelstand. Gerade Automobilbauer und Zulieferer sollten ihren Blick gen Mexiko richten. Das gilt natürlich auch für die Luft- und Raumfahrttechnik sowie die neuen technologieintensiven Branchen wie Medizin-, Energie- und Umwelttechnik.“

Durch die stetige Verschlankung der US-amerikanischen Automobilindustrie und die Verlagerung von Produktionskapazitäten nach Mexiko, ist die Automobilindustrie mittlerweile zum wichtigsten Produktions- und Exportfaktor des Landes aufgestiegen. In 2011 produzierten die mexikanischen Autobauer 2,5 Millionen Einheiten. Ford, Chrysler, Nissan und Volkswagen zählen zu den Top-20-Unternehmen in Mexiko. Die Wolfsburger konnten dabei ihren Umsatz in 2011 um 22,6 Prozent auf 10,5 Milliarden US-Dollar steigern. Der inländische Markt leidet zwar noch immer unter den Folgen der Wirtschaftskrise, doch mit rund einer Million verkaufter Neuwagen konnte in 2012 zumindest an die Werte von 2008 (1,08 Millionen) angeknüpft werden. Für die Zukunft erwartet die Automobilindustrie eine Produktionssteigerung auf 3,5 Millionen Einheiten ab 2014.

Durch den hohen Kostendruck in der globalen Luftfahrtindustrie konnte Mexiko in den vergangenen Jahren auch Betriebe für die Produktion und Montage von Flugzeugteilen anziehen. Mexiko avancierte in 2012 zum sechstgrößten Lieferanten für Produkte in der Luft- und Raumfahrtindustrie für Europa. Mit vollen Auftragsbüchern dürften die Investitionsflüsse in diese Branche auch in den kommenden Jahren nicht abreißen. So sollen die Verkäufe aus dem mexikanischen Luftfahrtsektor bis 2020 auf 20 Milliarden US-Dollar ansteigen.

Der Bergbau ist die wichtige Zukunftsbranche Mexikos. Das Potenzial gilt als gewaltig. Die derzeit rund 27.000 Konzessionen decken nur 15,7 Prozent der Landesfläche ab. Mehr als 60 Prozent gelten hingegen als aussichtsreich. Mexikos Bergbau konnte 2011 mit 5,6 Milliarden US-Dollar die höchsten ausländischen Investitionen in ganz Lateinamerika verbuchen. Die Bergbaukammer Camimex erwartet für 2012 weitere Investitionen in Höhe von mindestens 7,7 Milliarden US-Dollar.

Abhängigkeit von den USA

Mexikos Wirtschaft ist, ganz im Gegensatz zur Wirtschaft anderen Staaten Lateinamerikas, vor allem exportorientiert. Die Außenhandelsquote lag in 2011 bei 60,7 Prozent des BIP. Dabei wurden Waren und Dienstleistungen im Wert von 349,6 Milliarden US-Dollar ausgeführt. Das Exportwachstum Mexikos hat sich im Jahresverlauf 2012 zwar leicht abgeschwächt, doch da die traditionell starken Exportbranchen wie Automobil und Elektronik kräftig in den Ausbau von Produktionskapazitäten investieren, sind die Aussichten für die Zukunft gut.

Dominiert wird der mexikanische Außenhandel vor allem durch seine Abhängigkeit zu den USA sowie einseitige Handels- bzw. Exportbeziehungen zu den klassischen Industriestaaten. Rund 90 Prozent der mexikanischen Exporte gingen in 2009 in Industrieländer, nur drei Prozent in die BRIC-Staaten und weitere sechs Prozent in andere Schwellenländer. Wie übermächtig die Beziehungen zu den USA sind, verdeutlichen die folgenden Zahlen: So waren die USA mit einem Anteil von 78,6  Prozent Hauptabnehmer der mexikanischen Wirtschaft in 2011. Gleichzeitig beherrschte die US-amerikanische Wirtschaft auch den Import, mit einem Marktanteil von 49,7 Prozent. Einzig China konnte sich in 2011 mit 14,9 Prozent des Imports einen relevanten Teil des mexikanischen Kuchens sichern.

Die deutschen Exporte nach Mexiko beliefen sich in 2011 auf 7,6 Milliarden Euro. Schwerpunkte der deutschen Ausfuhrgüter waren Maschinen (29,3 Prozent), Kfz- und Teile (17,1 Prozent) sowie chemische Erzeugnisse (15,5 Prozent).

Quo vadis Mexiko?

Laut eines Berichts der Interamerikanischen Entwicklungsbank birgt die Abhängigkeit von den USA für Mexikos Wirtschaft eine grundsätzliche strukturelle Schwäche. Die Anpassung an veränderte globale Strukturen durch entsprechende handelspolitische Innovationen und Investitionen ist nach Einschätzungen vieler Experten der beste Schlüssel für die wirtschaftliche Entwicklung Mexikos. Eine Möglichkeit, den wirtschaftlichen Wandel Mexikos zu mehr Wettbewerbsfähigkeit und wirtschaftlicher Stärke anzutreiben, könnte daher die Ausrichtung auf Investitionen in ökologisch nachhaltige Technologien, erneuerbare Energien und Umwelttechnik sein – besondere Stärken des deutschen Mittelstands.

Im Original erschienen im Revier Manager (Ausgabe Juni/Juli 2013). 

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