Indiens Bevölkerung – Herausforderung oder Chance

Der Blick auf Jaipur, die rosarote Stadt

Der Blick auf Jaipur, die rosarote Stadt

Trotz jahrzehntelanger Familienplanung wächst Indiens Bevölkerung stetig. Städte mutieren zu überfüllten Metropolen, Engpässen bei Strom und Wasser sind garantiert, doch der stetig wachsende Mittelstand bietet auch Chancen für die indische Wirtschaft.

Hatte Indien im Mai 2000 offiziell die Milliardengrenze überschritten, so leben heute bereits über 1,2 Milliarden Menschen auf dem Subkontinent.

Die geplante Bevölkerung

Das Bevölkerungswachstum bringt die bekannten Probleme mit sich: Schul- und Ausbildungsplätze sind rar, die Versorgung mit Nahrung, Wasser und Energie stellt den indischen Staat vor große Herausforderungen. Dabei hatte die Regierung früh eine Notwendigkeit für gezielte Bevölkerungsplanung erkannt. Kurz nach der Unabhängigkeit habe Indien das Ministerium für Bevölkerungsplanung entwickelt, erklärt Heinz Werner Wessler vom Institut für Orient- und Asienwissenschaften der Universität Bonn. “Das war damals weltweit noch eine neue Idee, dass der Staat aktiv in die Bevölkerungsplanung eingreifen sollte. Das hat aber dann mit der Zeit auch dazu geführt, dass eine Art Panik vor der Überbevölkerung entstanden ist, was dann auch zu diesen entsetzlichen Ausschreitungen in der Zeit der Notstandsregierung Indira Gandhis beigetragen hat.”

“Entsetzliche Ausschreitungen”

Unter Indira Gandhis Notstandsregime von 1975 bis 1977 geriet die staatliche Familienplanung vor allem durch die Zwangssterilisierung von Angehörigen der Unterschichten in Verruf. Auch heute noch wird die Familienplanung mit zum Teil aggressiven Kampagnen verbreitet. Das jährliche Bevölkerungswachstum ist mittlerweile von vier auf 1,6 Prozent gesunken.Rückläufiges Bevölkerungswachstum und der traditionelle Wunsch nach männlicher Nachkommenschaft führen allerdings zu neuen Problemen.

“Es ist natürlich sehr unglücklich, dass die Bevölkerungsplanung mit der Abtreibungsfrage so eng verbunden wird, als wäre Abtreibung ein Mittel der Bevölkerungsplanung. Vor allem die geschlechtsspezifische Abtreibung wächst in Indien immer mehr zu einem Problem heran, das wahrscheinlich die Probleme der Überbevölkerung noch in den Schatten stellen wird”, so Wessler. Schon heute gibt es Bezirke in Indien, in denen das Verhältnis von Jungen und Mädchen bei unter fünf Jahren 1000 zu 750 ist. “Da merkt man, dass etwas grundsätzlich nicht in Ordnung ist.“

Straßenszene aus einem Dorf in Rajasthan

Straßenszene aus einem Dorf in Rajasthan – Foto: André Sarin

Gerade ärmere Bauern auf dem Land bekommen dies deutlich zu spüren. Sie finden keine heiratswillige Frau und sind so gezwungen in die Städte zu ziehen. Derzeit leben zwar noch über 70 Prozent der Menschen in Indien auf dem Land, doch der Anteil der städtischen Bevölkerung wächst stetig. Allein in den drei Megastädten Delhi (18 Millionen), Mumbai (20 Millionen) und Kolkata (15 Millionen) leben mit über 53 Millionen Menschen so viele, wie in Spanien und Portugal zusammen. Heute gibt es drei Dutzend Metropolen in Indien mit mehr als einer Million Einwohnern.

So viele Menschen auf kleinem Raum – da kommt es zwangsläufig zu Versorgungsengpässen, die aber mit Improvisationstalent gemeistert werden, wie Achim Rodewald von der Deutsch-Indischen Handelskammer in Mumbai (Bombay) am Beispiel der Wasserversorgung erklärt: “Fließendes Wasser, wie wir es aus Deutschland kennen, gibt es in ganz Bombay nicht. Es sieht so aus, dass es Hauptwasserleitungen gibt, die in alle Stadtteile gehen und die stundenweise je nach Stadtteil bedient werden. Das heißt, in einem Stadtteil gibt es dann fließendes Wasser für eine Stunde. Man muss sich Wassertanks in seinen Gebäuden anlegen und in dieser Zeit auffüllen und dann den Tag über davon leben.”

Strom und Wasser sind knapp

Bei der Versorgung mit Nahrungsmitteln steht Indien dagegen weit besser da. “Indien ist grundsätzlich in der Lage, seine derzeitige Bevölkerung aus eigenen landwirtschaftlichen Erzeugnissen zu ernähren”, sagt Rodewald. Das beinhalte natürlich nicht Luxusgüter oder Luxusnahrungsmittel. “Aber alles, was zum Überleben notwendig ist, kann Indien mittlerweile für seine Bevölkerung herstellen.” Indien habe eine relativ große Nahrungsmittelindustrie und subventioniere seine Landwirtschaft ziemlich stark. “Das kommt natürlich im Endeffekt der überwiegend nicht so wohlhabenden Bevölkerung in Indien sehr zugute”, sagt Rodewald. “Deswegen sind die Nahrungsmittel in Indien vergleichsweise günstig.“

Neben Wasser und Nahrung ist die Energieversorgung ein weiteres Problem in Indien – und das nicht nur in den Städten, sondern auch auf dem Land. Ganzen Stadtteilen wird manchmal über Stunden der Strom abgeschaltet. Benzingeneratoren zur Stromgewinnung, oder Energiespeicher in Form von Autobatterien findet man daher in nahezu jedem Haushalt. Größere Firmen sowie Fabriken verfügen meist über eine eigene Energieversorgung.

Stadtbewohner als Ressource

Doch ungeachtet aller Probleme sieht die Regierung gerade in der städtischen Bevölkerung Indiens ihre größte Ressource. Denn zum einen stellt diese einen enormen Pool an Arbeitskräften für die indische Wirtschaft zur Verfügung, und zum anderen ist die Bevölkerung gleichzeitig auch der größte Absatzmarkt für die heimische Produktion. So verfügt Indien immerhin über eine kaufkräftige und wachsende Mittelschicht von 250 bis 400 Millionen Menschen. Die positive Kehrseite der Medallie…!

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.