Indien im 21. Jahrhundert

Träge erhebt sich die Sonne hinter dem Qutb Minar. Der Morgennebel lichtet sich über dem Yamuna. Reges Treiben erfüllt die „Stadt der sieben Städte“. Mit erhobenem Haupt weht die Tiranga über dem Lal Qila. Was hat Delhi, die „Stadt auf dem Hügel“, in ihrer über 3.000 Jahre zurückreichenden Geschichte nicht alles gesehen; Königreiche, die aus der Asche erblüht zu Staub zerfielen, Raubzüge, Plünderung, Zerstörung, aber auch die Geburt des modernen Indiens im Sommer 1947.

65 Jahre sind seither vergangen. Und so wie sich Delhi in den letzten Jahrhunderten von einer einfachen Handelsstadt zur internationalen Millionenmetropole entwickelt hat, so hat sich auch das emanzipierte Indien des 21. Jahrhunderts vom Agrarstaat zur asiatischen Weltmacht entwickelt. Eine Entwicklung, die nicht ohne Krisen, Reformen und große Anstrengungen von statten ging. Eine Genese, die aus dem alten Indien ein Land voller Widersprüche und Herausforderungen geformt hat. Eine Heranbildung, die die ehemals britische Kronkolonie zum Beginn des 21. Jahrhunderts in den Zirkel der großen Mächte unserer Zeit getragen hat.

Indiens Wirtschaft in der ersten Dekade des neuen Jahrtausends ist eine Geschichte des Erfolgs. Indien hat neben China den am stärksten wachsende Markt und belegt mit seinem nominellen Bruttoinlandsprodukt von rund 4,5 Billionen US-Dollar in 2011 eine globale Spitzenwertung. Liberalisierung und Privatisierung haben längst die Fesseln der Hindu-Wachstumsrate gesprengt. „Indiens dynamischer und wettbewerbsfähiger privater Sektor ist seit langer Zeit das Rückgrat seiner Wirtschaft.“, so Ernst & Young. Gemeinschaftsunternehmen, öffentlich-private Partnerschaften und ausländische Direktinvestitionen bestimmen das alltägliche Bild. Eine freie Presse gepaart mit unbedingter Rechtssicherheit durch eine emanzipierte Justiz garantieren Sicherheiten. Indien zählt zu den größten Wachstumsmärkten der Welt. Tausende gut ausgebildete, Englisch sprechende Fach- und Führungskräfte bieten multinationalen Unternehmen einen guten Nährboden. Schlüsseltechnologien wie die IT-Industrie in Bangalore, dem indischen Silikon Valley, haben sich einen Namen gemacht.

Der einst wirtschaftlich restriktivste Staat der Welt nimmt heute als internationaler Dienstleister eine zentrale Rolle im globalen Wirtschaftsnetz ein und Experten beschwören die zweite Hälfte des 21. Jahrhunderts als indische Blütezeit.

Auf der Kehrseite ist Indien aber auch weiterhin ein Entwicklungsland. Besonders die soziale Infrastruktur ist im globalen Vergleich weit abgeschlagen. So rangiert das Gesundheitssystem auf Platz 185 von 189 Nationen und im Human Development Index platziert sich Indien noch hinter dem Irak. Die Lebenserwartung liegt bei durchschnittlich 64 Jahren. Nahezu jedes zweite Kind unter fünf Jahren leidet unter einer Mangelernährung und fast ein Drittel der indischen Bevölkerung leben unter der Armutsgrenze von umgerechnet einem Dollar am Tag.

Während sich das Land mit den Indian Institutes of Technology einiger erstklassiger Universitäten rühmt und jährlich tausende Studierende aus dem Ausland anlockt, können rund 35% der Frauen weder lesen, noch schreiben.

Obgleich die Landwirtschaft nur 13,9% des BIP ausmacht, beschäftigt sie mehr als die Hälfte aller Arbeitnehmer. Die wirtschaftliche Infrastruktur liegt noch immer hinter den Erwartungen zurück. Das Straßen- und Schienennetz bedarf einer dringenden Modernisierung. Zusammenbrüche bei der Energieversorgung, wie zuletzt besonders eindrucksvoll im Juli 2012, als zwei Tage in Folge die gesamte Stromversorgung Nordindiens zusammenbrach und rund 700 Mio. Menschen im Dunkeln standen, sind keine Ausnahme.

Wenn wir also über das Indien des 21. Jahrhunderts sprechen, so sprechen wir nicht über das mystisch verklärte Indien von Herder, Schlegel oder Goethe. Wir reden von einem Land, das die großen Herausforderungen des neuen Jahrtausends angehen muss, um seinem Status als kommende Weltmacht in allen Belangen gerecht zu werden.

Dabei ist Indien im Jahr 2012 vor allem das Produkt einer geschichtlichen Entwicklung, die von staatlich gelenkter Wirtschaft bestimmt war. Die Wirtschaft ist, trotz aller Liberalisierungen, noch in vielen Bereichen reglementiert und vom Weltmarkt abgeschottet. Gerade westliche Experten sehen hier die größte Schwäche der indischen Wirtschaft und fordern eine komplette Öffnung des Marktes für ausländische Waren und Investoren.

Konnte die Wirtschaft in den Finanzjahren 2009/10 und 2010/11 noch mit einem Wachstum von 8,4% Bestwerte erzielen, so lag das Wachstum im Haushaltsjahr 2011/12 bei 6,9%. Im Zuge des sich abschwächenden Wirtschaftswachstums wird Indien heute als Land der Krise gesehen. Es sind jene Experten, die noch vor nicht allzu langer Zeit von Indien als dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten schwärmten, die gegenwärtig in einer Mischung aus versteckter Missgunst und selektiv-subjektiven Statistiken das Bild einer überhitzten Wirtschaft zeichnen. Da wird die mangelhafte Infrastruktur zur Achillessehne, die Politik zum Korruptionssumpf und die IT-Industrie, die allein in 2011 bei einem Gesamtumsatz von 100 Milliarden US-Dollar ihren Anteil am weltweiten IT-Outsourcing auf 58% erhöhen konnte, zur Seifenblase gekürt. „Ständig überfordert – Wachstumsschwäche, Korruptionsaffären, neuer Protektionismus – das Schwellenland taumelt am Rand einer Krise“, titelte die Wirtschaftwoche im September 2012 zur Lage der indischen Wirtschaft.

Richtig? Wohl kaum! Denn Indien ist aktuell von seinem wirtschaftlichen Zenit genausoweit, wie von einer einschneidenden Rezession entfernt.

Fakt ist, dass die Finanzjahre 2011/12 und 2012/13 in eine Zeit der Neuausrichtung der indischen Wirtschaft fallen. Diese Neueinrichtung ist sicherlich auch durch die schlechtere Weltwirtschaft zu erklären, doch ist sie kein Zeichen für eine neue Krise. Indiens Wirtschaft ist stabil. Kein westlicher Industriestaat, Deutschland eingenommen, kann sich mit den Wachstumszahlen des asiatischen Riesens messen.

Der Export und Import konnte zum Januar 2012 um 23,5% bzw. 29,4% gesteigert werden. Die ausländischen Devisenreserven liegen mit 292,8 Mrd. USD (Stand: Januar 2012) nur geringfügig unter dem Höchstwert von 2007/08. Die ausländischen Direktinvestitionen konnten im Vergleich zum Vorjahr um 34% auf 46,5 Mrd. US Dollar erhöht werden. Als Zugpferd der Wirtschaft ist Indiens Dienstleistungssektor im Finanzjahr 2011/12 um 9,4% gewachsen. Die Arbeitnehmerquote des industriellen Sektors konnte innerhalb von zehn Jahren auf rund 22%, das sind 100,7 Mio. Menschen, gesteigert werden.

Gerade die Reglementierung einzelner Wirtschaftsbereiche hat Indien vor schwerwiegenderen negativen Auswirkungen der Banken- und Wirtschaftskrise bewahrt. Der wirtschaftliche Mix aus Dienstleistung und Zukunftstechnologien wird Indien auch in Zukunft einen entscheidenden Schub geben.

Der Schlüssel für die positive Entwicklung der indischen Wirtschaft ist weniger eine Öffnung des Marktes durch Freihandelsabkommen oder Sonderentwicklungszonen, als die kontinuierliche Weiterführung der New Economic Policy. Die Zukunft Indiens liegt im Ausbau der Infrastruktur und in der sozioökonomischen Entwicklung.

Aus diesem Grund muss die gesellschaftliche Situation der Bevölkerung Indiens verbessert werden. Dazu gehören neben Bildung auch die grundlegende Versorgung mit Wasser, Nahrungsmitteln, Energie sowie die gesundheitliche Fürsorge und die Abschaffung des informellen Sektors.

Ungeachtet aller Probleme sieht die Regierung gerade in der städtischen Bevölkerung Indiens ihre größte Ressource. Denn zum einen stellt diese einen enormen Pool an Arbeitskräften für die indische Wirtschaft zur Verfügung, und zum anderen ist die Bevölkerung gleichzeitig auch der größte Absatzmarkt für die heimische Produktion.

Schon heute verfügt Indien über eine kaufkräftige, gebildete und produktive Mittelschicht von mehr als 230 Mio. Menschen. Diese Mittelschicht beteiligt sich an der politischen und wirtschaftlichen Entwicklung des Landes und verschafft darüber hinaus ausländischen Anbietern gute Geschäftschancen. Experten schätzen, dass sich allein die Konsumausgaben in Indien in den nächsten zehn Jahren auf 3,6 Bill. USD verdreifachen werden.

Die Entwicklung der Bevölkerung in allen Bereichen ist somit ein ebenso wichtiger Faktor für die wirtschaftliche Entwicklung Indiens. Darüber hinaus sind die behutsamen Liberalisierungen zum Wohle der indischen Wirtschaft und die Zusammenarbeit mit ausländischen Investoren, gerade im Bereich der Zukunftstechnologien, weitere Faktoren für die wirtschaftliche Entwicklung.  Das laufende Finanzjahr 2012/13 sowie der 12. Fünfjahresplan (2012-2017) werden zeigen, ob die indische Regierung dieser Entwicklung nachkommen kann.

Es ist bezeichnend, dass Indiens Premierminister Manmohan Singh, Vater des indischen Wirtschaftswunders, ausgerechnet am 65. Jahrestag der Unabhängigkeit eine Mission zum Mars ankündigte.

Mit seiner Mischung aus Wirtschaftsmacht und Entwicklungsland ist Indien eine Chance für den Unternehmer und bietet die nötigen Risiken für Kapitalanleger. Da kann beispielsweise bereits  ein Shop mit nur wenigen Quadratmetern in den vielen verwinkelten Straßen Delhis zum Umschlagplatz für Millionengüter werden oder zum internationalen Partner heranwachsen.

Sicher, Indiens Wirtschaft hat ihre Schwächen und Stärken, doch das Land mit den Augen einer entwickelten Industrienation zu sehen, führt vor allem dazu, sich auf Missstände zu fokussieren und die Augen vor den enormen Potentialen Indiens zu verschließen.

Orakel von Delhi im Oktober 2012