Fluch der „Grünen Revolution“ für Indiens Bauern

Bauern im Bundesstaat Andhra Pradesh bei der Reisernte

Bauern im Bundesstaat Andhra Pradesh bei der Reisernte

Einst wurde die Grüne Revolution im Indien der 1960er als goldenes Zeitalter der landwirtschaftlichen Entwicklung gefeiert. Doch mit der Steigerung der Produktivität wuchs auch das Joch der Kleinbauern. Heute gehören diese zu den Verlierern der Grünen Revolution in Indien. Schon lange forden Experten, in Zeiten einer globalen Ernährungskrise, eine neue, eine gerechte, kurz: eine nachhaltige Grüne Revolution.

Erinnerung an die 60er

Angesichts der Welternährungskrise fühlen sich heutzutage viele Inder an die sechziger Jahre erinnert. Damals führte eine große Wirtschaftskrise sowie zwei Dürrejahren in Folge, 1965 und 1966, zu erheblichen Ernteausfällen. Ein enormer Anstieg der Lebensmittelpreise war die Folge und zwang die Indische Regierung zu einem gewaltigen Modernisierungsprogramm das bekannt wurde als Grünen Revolution.

Gewinner und Verlierer

Fortan bauten die Bauer widerstandsfähige Hochertragssorten an. Der massenhafte Einsatz von Schädlingsbekämpfungsmittel und Mineraldünger förderte die Ernte. Die Bestellung der Felder mit Maschinen erhöhte die Arbeitsleistung. Durch Staudämmen, Kanälen und Brunnen konnten die Bewässerungsflächen vergrößert werden.

Dadurch war die „Grüne Revolution“ in Bezug auf ihre Zielsetzung, die deutliche Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion, überaus erfolgreich – ganz besonders im Panjab, der Kornkammer Indiens. Doch profitiert haben bislang vor allem Großgrundbesitzer. Kleinbauern gingen meist leer aus.

Der verstärke Anbau ertragsreicher Sorten erfordert auch immer höhere Anbaukosten. Teures Saatgut, Düngemittel und Maschinen machen es daher für die Bauern immer schwieriger auf dem Weltmarkt zu bestehen. Verzweifelt bleibt ihnen oft nur der Weg in die Verschuldung und damit nicht selten in den Tod. Gurchuran Sing, Bauer aus dem Panjab, sagt:

„Die Kosten sind enorm gestiegen. Wir Bauern verschwenden hier unsere Zeit, aber was sollen wir denn sonst machen? Wenn unsere Kinder keinen anderen Beruf finden, dann werden sie wohl ein ähnliches Schicksal erleiden. Viele der Bauern hier sind verschuldet. Nur 5 Prozent stehen finanziell gut da.“

Ein Bauer alle 58 Minuten

Schätzungen zu Folge begehen jährlich über 10.000 Kleinbauern Selbstmord – das entspricht einem Bauer alle 58 Minuten. Alarmiert versucht die indische Regierung mit einem 15 Milliarden Dollar Entschuldungsprogramms die Kleinbauern zu entlasten. Doch in den Genuss der Schuldenübernahme kommt nur wer weniger als zwei Hektar Land besitzt. Zusätzlich dazu bemüht sich die Regierung neue Arbeitsplätze für Bauern in Fabriken dem Lande zu schaffen. Dennoch sehen die Bewohner aus dem Dorf Naulakha, im Herzen des Panjab, die Situation als unzureichend.

„Es wird in dieser Gegend bald eine Fabrik gebaut. Das ist gut, denn so können wir arbeiten und müssen dafür unsere Heimat nicht verlassen. Natürlich gefällt uns die Gesamtsituation so nicht, aber gerade für die Jüngeren, die ohne Arbeit sind, ist es so besser. Wenn sie in der Zukunft eine Arbeit haben, dann ist das gut für uns alle.“

Wege aus der Krise

Experten befürchten, dass die Industrialisierung des ländlichen Indiens der Nahrungsmittelknappheit des Landes nicht hilft. Landwirtschaftsexperte Devinder Sharma sieht die Lage düster.

„Die indische Regierung hat der Landwirtschaft in den letzten 15 Jahren enorm geschadet. Wenn die Selbstmordrate der Farmer seit 1991 die Marke von 150,000 Toten bereits überschritten hat, dann stimmt in der Landwirtschaft etwas nicht.“

Ähnlich äußert sich auch M. S. Swaminathan, Vater der Grünen Revolution. Während die Gesamtwirtschaft Indiens im Jaher 2010 um 10,1 Prozent zulegen konnte, hinkt die Landwirtschaft mit ‚mageren‘ 6,6 Prozent hinterher. Für Swaminathan liegt die Lösung in einem neuen Weg auf alten Pfaden.

„Wir haben keine andere Wahl als die Produktivität zu erhöhen. Fruchtbares Land ist eine schwindende Ressource, daher müssen wir den Ertrag pro Landeinheit, pro Wasserverbrauch, pro Arbeitskraft erhöhen. Das nenne ich eine nachhaltige Grüne Revolution (orig. Evergreen Revolution). Ein Zuwachs an Produktivität und Nachhaltigkeit. Wir brauchen dringend diese nachhaltige Grüne Revolution.“

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